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ROMEO UND JULIA

Staatstheater Cottbus, ROMEO UND JULIA Szenenfoto

ROMEO UND JULIA

Eine Tragödie in vier Künsten (In deutscher Sprache)

Staatstheater Cottbus, Großes Haus
Premiere am 26. September 2026, gesehen am 3. Oktober 2026

Musikalische Leitung: GMD Alexander Merzyn
Regie & Bühne: Philipp Grigorian
Kostüm: Vlada Pomirkovanaya
Video: Oleg Mikhailov
Sounddesign: Misha Cvijović
Choreografie Ballett: Inma López
Choreografie Musiktheater, Konzert & Schauspiel: Anna Abalikhina
Dramaturgie: Leonora Mense, Olga Fedyanina
Choreinstudierung: Christian Möbius
Produktionsleitung: Dejana Rados
Regieassistenz: Marianne Westermann, Elisa Freigang

Halb auf der Bühne, halb im leicht versenkten Orchestergraben sitzen die Musikerinnen und Musiker des Philharmonischen Orchesters. Dahinter drei Reihen rosa-blauer Plastiksitze.
Das sieht zunächst nicht nach Verona aus. Muss es auch nicht.
Denn angekündigt ist nicht einfach Shakespeares berühmtes Liebesdrama, sondern eine „Tragödie in vier Künsten“: Schauspiel, Oper, Ballett und Konzert sollen gemeinsam erzählen.

Ein großes Vorhaben eröffnet die Intendanz von Berthold Schneider. Und eine gute Gelegenheit, zu erleben, was dieses Haus alles kann.

Zunächst spricht die Musik. Das tut sie sehr überzeugend.
Etwas schade, dass wir diese Phase nicht ungestört auf uns wirken lassen können.
Denn auf einer Projektionsfläche werden die Klänge von Strichmännchen-Animationen wortwörtlich hintermalt.
Diese bewegten Bilder sind durchaus eigene Kunstwerke. Ich schaue ihnen zu, folge ihren Verwandlungen – und bemerke dann erschrocken, dass die Klänge des toll aufspielenden Orchesters zur Filmmusik geworden sind und nicht mehr die verdiente Aufmerksamkeit erhalten. Das ist schade. Denn einfach zuzuhören und die Musiker bei ihrer Kunst zu beobachten, wäre bereits ein gutes Erlebnis.
Der Opernchor kommt hinzu, nimmt auf den bunten Sitzen Platz und wird zum Kinopublikum. Popcorntüten inklusive. Wir schauen also Menschen beim Zuschauen zu.
Dann wird die Ordnung gestört.
Unter den Orchestermusikern hat sich ein Schauspieler versteckt. Eine vermeintliche Regieassistentin eilt hinzu, um die Unterbrechung in den Griff zu bekommen. Was zunächst nach einer Panne aussieht, gehört zum Plan.

Es ist der erste von vielen Wechseln, in denen dieser Abend nicht einfach die nächste Szene vorbereitet, sondern die Vorbereitung selbst zur Szene macht.
Der Orchestergraben sinkt. Bühnenarbeiter tragen, schieben, schrauben. Es wird geprüft, abgenommen: fertig.
Ein schöner Einblick in eine Arbeit, die sonst meist im Verborgenen bleibt. Nun sieht man sie und erkennt nebenbei, wie viele Hände es braucht, damit eine Theaterwelt entsteht.
Diese Umbauten und Überleitungen gehören zu den diskutablen Ideen der Inszenierung. Philipp Grigorian, der auch das Bühnenbild verantwortet, macht aus dem Wechsel der Sparten ein eigenes Spiel. Vielschichtig, geschickt, überraschend – teils allerdings zu abrupt.

So auch beim Übergang zum Ballett.
Aus den zunächst gemischt-bunten Sitzreihen werden gegnerische Lager. Die Sitzschalen werden nach Farben und den Familien Capulet und Montague sortiert. Was eben noch zusammengehörte, steht sich jetzt gegenüber, dazwischen eine Art Arena.

Etwas verwirrend dazu der Bühnenhintergrund, der wohl einen Regionalbezug und Gegensatz zeigen soll: Windräder auf der einen, Hochspannungsleitungen auf der anderen Seite.
Falls damit neue gegen alte Energiewelt gemeint sein sollte, geht die Unterscheidung nicht ganz auf. Auch Windparks brauchen Leitungen. Vielleicht ist es aber schlicht ein Bild zweier Lager, die sich ihre Unterschiede zurechtlegen.

Romeo und Julia selbst begegnen uns dreifach: im Schauspiel mit Daniel Krimsky und Dominika Hebel, in der Oper mit Alexey Sayapin und Sonja Isabel Reuter, im Ballett mit Jorge Concepción Leal* und Alessandra Armorina*.
Drei Paare, eine Liebe. Und sehr verschiedene Wege, sie zu zeigen.
Grundlage sind neben Shakespeare die musikalischen Fassungen von Hector Berlioz, Charles Gounod und Sergej Prokofjew.
Es werden nicht nur vier Ensembles zusammengebracht. Auch unterschiedliche Zeiten, Ausdrucksweisen und Vorstellungen davon, wie diese Geschichte zu erzählen ist, treffen aufeinander.

Für mich bieten Ballett und Orchester die stärksten Parts des Abends.
Inma López findet mit dem Ballettensemble eine Ausdrucksstärke, die keiner weiteren Erklärung bedarf. Hier muss nicht erst über Liebe und Beziehungsabgründe gesprochen werden. Man sieht sie in der Bewegung, im Zusammenspiel, in der Nähe und im Abstand der Körper.
Ähnlich unmittelbar wirkt die Musik unter Alexander Merzyn. Sie kann Räume öffnen, Spannung aufbauen, Gefühle tragen. Wie erwähnt: Man möchte ihr stellenweise gern länger ungestört folgen dürfen.
Sehr dicht dahinter die Leistungen des Schauspiels. Daniel Krimsky und Dominika Hebel geben dem vertrauten Paar gegenwärtige Gestalten. Auch hier fällt es leicht, den beiden zu folgen, ohne eine historische Darstellungsform übersetzen zu müssen.
Bei der Oper ist das anders.
So gut Sängerinnen, Sänger, Chor und Orchester selbst sein mögen (und das sind sie): Die Gounod-Anteile scheinen deutlich aus der Zeit gefallen. Nicht, weil seine Musik grundsätzlich alt wirken müsste. Sondern weil hier mit der musikalischen Form auch eine Darstellungswelt auf die Bühne kommt, zu der ich an diesem Abend wenig Zugang finde.
Das ist keine Frage des Könnens. Es ist eine der Wirkung.

Womit wir bei der Stärke und zugleich der Schwierigkeit dieses großen Vorhabens sind:
Die Wechsel lockern den langen Abend auf. Sie machen neugierig: Wie wird die nächste Kunstform die Geschichte aufnehmen? Was kann sie zeigen, was die vorherige anders machte? Doch kaum hat man sich auf eine Ausdrucksweise eingelassen, steht schon die nächste bereit, oft als unvermittelter Bruch.
Das ist stellenweise willkommen (beim Gounod), an anderen Stellen hätte ich gerne länger zugeschaut oder zugehört.
Eine Szene beginnt zu wirken, ein musikalischer Gedanke nimmt gefangen – doch schon wird die Aufmerksamkeit verschoben. Das ist oft schade für die Akteure. Und für manches, was für sich selbst beachtenswert ist.
Vier Künste zusammenzubringen, heißt nicht automatisch, ihre Wirkung zu vervierfachen. Manchmal verstärken sie einander. Manchmal nehmen sie sich Raum.

Dennoch gibt es hier viel zu entdecken. Nicht nur drei Versionen eines Liebespaares, sondern besonders ein Theater, das seine Vielfalt und sein Können zeigt. Einschließlich der Menschen, die sonst hinter den Kulissen dafür sorgen, dass wir vorne staunen können.
Insgesamt verfliegen die (netto) drei Stunden durch all die Vielfalt anregend, fast unbemerkt.
Es ist kein durchgehend mitreißender Abend – doch ein sehr kunstvoller, ungewöhnlicher, ideenreicher: Ein starkes Stück Theater.
An guten Gründen, sich diese Begegnung der vier Künste anzuschauen, fehlt es somit nicht.

Jens Pittasch

* Premierenbesetzung, alternierend je Aufführung

nächste Vorstellungen:
25.10./16 Uhr (!), 15.11./19 Uhr, 9.12./19:30 Uhr, 25.12./19 Uhr, 22.1./19:30 Uhr

Information und Karten

Fotos: © Jochen Quast

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