Choreografie von Lucas Valente (UA)
Bühne: Hans-Holger Schmidt, Lucas Valente
Kostüme: Christopher Parker
Dramaturgie: Corinna Jarosch, Leonora Mense
Staatstheater Cottbus, Kammerbühne
Premiere am 16. Mai 2026, gesehen am 30. Mai 2026
75 Minuten Atemlosigkeit, Spannung und Faszination.
75 Minuten grandioser Würdigung eines Genies.
Was trieb einen Menschen wie Da Vinci an?
Was wirkt bis heute und darüber hinaus?
Lucas Valente (Choreografie) nähert sich Leonardo da Vinci über einen wesentlichen Ausschnitt dessen vielfältiger Biografie als Mensch und Forscher.
Der Körper in Funktion und Aufbau nimmt eine wichtige Rolle in Da Vincis Schaffen ein.
Doch schnell gerät er an die Grenze des Erkennbaren – für Valente der ideale Gegenstand seines Ballettabends.
Bereits die ersten Eindrücke machen klar: Hier wird getanzt, gebaut, geschoben, zerlegt, probiert, gesucht. Für ein Ballett ist die Bühne ungewohnt reichhaltig ausgestattet: bewegliche Wände, Tische, Stühle, Staffeleien, Leuchten. Und diese Elemente spielen aktiv mit. Sie werden bewegt, versperren Wege, öffnen Räume, erzeugen Enge und Fluchtlinien. Raum und Objekte scheinen selbst mitzutanzen.
Das passt zu diesem Abend. Denn „Da Vinci“ ist kein ruhiges Nachdenken über ein historisches Genie. Eher scheint es ein fiebriger Gedankenstrom. Die Musik treibt, pulsiert, hämmert voran. Oft wirkt es, als läge jeder Takt unter Strom. Auf jeden Impuls folgt eine neue Bewegung, eine neue Geste, eine neue Pose. Kaum ist ein Bild entstanden, ist es schon wieder zerschnitten.
Die Bewegungsabläufe sind enorm. Schnell, kantig, präzise. Mit etwas zwischen 120 und 200 bpm rasen Hände, Arme, Oberkörper, Köpfe – ganze Gruppen setzen in Stakkato ein, brechen ab, kippen in eine andere Richtung, jagen weiter. Man staunt nicht nur über die Kraft und Beweglichkeit des Ensembles. Man staunt auch darüber, wie sich solche Abläufe überhaupt erfinden, proben und erinnern lassen.
Wie erwähnt, liegt der Kern des Abends nicht in Da Vincis technischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Interessen. Valente konzentriert sich auf den Körper. Auf Aufbau, Bewegung, Anatomie, auf das Innere des Menschen. Das ist eine naheliegende, kluge Setzung. Ballett selbst ist schließlich eine Kunst des Körpers. Es kann diesen Forschungsdrang nicht nur darstellen, sondern unmittelbar verkörpern.
Besonders stark wird das in der langen Szene am Seziertisch. Da Vinci kommt mit dem Blick von außen nicht mehr weiter. Die Oberfläche reicht nicht. Also geht die Untersuchung tiefer. Der Körper wird zum Objekt, zum Material, zum Gegenüber. Doch dann bleibt er nicht stumm. Er kehrt zurück, bewegt sich, drängt sich in Gedanken und Träume. Aus der Forschung wird eine Heimsuchung.
Hier öffnet der Abend seine interessanteste Frage: Geht es um Schuld? Um Zweifel? Um die Grenze zwischen Erkenntnis und Übergriff? Historisch mag Da Vincis eigenes Verhältnis zur Sektion weniger dramatisch gewesen sein, als die Szene nahelegt. Aber theatrale Wahrheit folgt nicht immer der historischen Fußnote. Valente überhöht den Konflikt – und genau dadurch wird er gegenwärtig.
Denn die Frage, ob man alles tun sollte, was man kann, endet nicht im 15. Jahrhundert. Sie begleitet jede Wissenschaft, die Grenzen verschiebt. Anatomie, Technik, Gentechnik, Künstliche Intelligenz: Immer wieder steht am Anfang ein Staunen, dann ein Versuch, dann die Möglichkeit des Kontrollverlusts. „Da Vinci“ behauptet diese Parallele nicht platt. Aber sie liegt als Spannung im Raum.
Dazu passt das starke Bild der Monolithen. Wir sehen diese dunklen Körper, schwer und fremd. Ein Zitat von Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“ liegt nahe. Auch dort markiert der Monolith den Kontakt mit etwas Unbekanntem, das den Menschen verändert, ohne sich erklären zu lassen. In Cottbus wird daraus ein Zeichen des Aufbruchs: hinein in das, was der Mensch noch nicht versteht – und vielleicht nicht beherrscht.
Auffällig ist die durchgehende Ausdruckslosigkeit der Gesichter. Die Tänzerinnen und Tänzer spielen nicht mit Mimik. Sie zeigen kaum Regung. Das macht ihre Körper umso beredter. Jede Schulter, jeder Finger, jede Drehung muss tragen, was sonst ein Blick erzählen könnte. Gerade darin liegt eine große Leistung dieses Ensembles: Es wirkt nicht weniger expressiv, sondern anders. Strenger. Fremder. Unmenschlicher vielleicht.
Die Kostüme von Christopher Parker unterstützen diese Lesart. Keine Renaissance-Opulenz, kein historisierender Zierrat. Hemden, Westen, Hosen, klare Kontraste. Das rückt die Figuren aus der Vergangenheit heraus. Dieser Da Vinci ist nicht museal. Er steht eher als Chiffre auf der Bühne: für Forschung, Neugier, Überforderung, Größenwahn und das Verlangen, hinter die sichtbare Welt zu schauen.
Zum Schluss greift Valente auf das wohl berühmteste Bild des Künstlers zurück: „Das letzte Abendmahl“. Der lange Tisch, die Gruppe, die Anordnung der Körper – alles ist erkennbar, doch nicht bloß nachgestellt. Das Bild setzt sich zusammen, zerfällt wieder, wird neu angeordnet, ist lange in Bewegung, bis es seine bekannte Form findet. Malerei als Tanz.
Choreografisch und tänzerisch ist das ein gut gesetzter Höhepunkt. Dramaturgisch wirkt der Weg dorthin allerdings etwas zu viel. Nach der intensiven Auseinandersetzung mit Körper, Zweifel und Grenzüberschreitung braucht der Abend nicht zwingend noch die große Ikone. Fast scheint es, als müsse Leonardo da Vinci am Ende noch einmal durch sein bekanntestes Werk beglaubigt werden. Dabei hatte das Stück seinen Kern längst gefunden.
Denn „Da Vinci“ ist ein faszinierender Abend. Nicht glatt, nicht bequem, nicht immer ausgewogen – jedoch stark in seinen Bildern und außergewöhnlich in seiner körperlichen Wucht. Lucas Valente fordert dem Ensemble eine enorme Präzision ab. Tänzerinnen und Tänzer antworten mit einer Leistung, die staunen lässt: schnell, konzentriert, nahezu pausenlos unter Spannung.
„Da Vinci“ zeigt keinen Künstler, der abgeschlossen in der Geschichte steht. Es zeigt einen Menschen im Zustand der Suche. Einen, der wissen will, was den Körper, was die Welt bewegt. Hier entsteht die Kraft dieses Abends.
Schauen Sie ihn sich unbedingt an.
Jens Pittasch
nächste Vorstellungen:
Sonntag, 14.6.2026, Donnerstag, 25.6.2026, Donnerstag, 9.7.2026
Besetzung


Fotos: Bernd Schönberger










