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IM VERBORGENEN

Im Verborgenen, Szenenbild

IM VERBORGENEN

Zweiteiliger Ballettabend mit Choreografien von Douglas Lee und Inma López (UA)

Staatstheater Cottbus
Premiere am 28. Februar 2026, gesehen am 7. März 2026

„Wie sich aus Teilen ein Ganzes zusammenfügt.“, wird das Erlebnis angekündigt, das an diesem Abend auf der Cottbuser Theaterbühne geboten wird.

Vom „Zauber des Unsichtbaren“ spricht Choreograph Douglas Lee, wenn er beschreibt, was seinem Teil der Vorstellung, „Fade out“, zugrunde liegt.

Bereits der Auftakt setzt ein Zeichen: Ein einzelner Tänzer beherrscht die noch leere Bühne mit einer Energie, die sofort in den Abend zieht – Symmetrie und Bruch in einem einzigen Körper.

Wie eine Filmblende legt sich eine Art magischer Zauberwand über die gesamte Bühnenbreite, die mal verbindet, mal teilt – die verschwinden lässt oder hervorbringt – die andeutet, verbirgt und verwirrt.

„Fade out“ geschieht in einer existenziellen Farbwelt aus Rot und Schwarz, in deren Zentrum ein Zeremonienmeister agiert, der visuell und tänzerisch zwischen Dämon und Magier steht und die Figuren auf eine Weise lenkt, der sie sich nicht entziehen können. Dabei entwickeln die Tänzerinnen und Tänzer Ausdrucksformen, die das Auge irritieren: weiche Wellenbewegungen kippen unvermittelt in fast grafische Körperbilder, als würde die Ordnung der Dimensionen ausgesetzt. Ein ständiger Kampf von Symmetrie und Synergie, von Lenkung und Entkommen – eine von Körpern geformte Ambivalenz des Seins.

Alles wird voran gedrängt durch die anspruchsvolle Musik von Nicolas Sávva – dies allerdings bis an die Schmerzgrenze der Lautstärke.

Mit Teil-2, „Goldene Wunden“, wechselt die Bühne die Sprache. Wo Lee in Rot und Schwarz arbeitete, setzt Inma López, Co-Ballettdirektorin am Haus und hier ihre zweite eigenständige Choreografie vorlegend, alles in den Kontrast aus Schwarz und Weiß.

Was zunächst wie eine erstarrte Landschaft aus Eisbrocken anmutet, entpuppt sich im Verlauf als etwas ganz anderes: Fragmente einer gewaltigen Büste, deren Teile auf der dunklen Bühne verstreut liegen. Zunächst sehr gefühlvolle Musik erweckt diese starre Welt langsam zum Leben. Das Ensemble – in weißen Anzügen und Miedern – beginnt in einem Gestus, der Schönheit ausstellt: glatt, souverän, ohne Fehler. Doch schon drängen Risse in die Bewegungen, Brüche in die Haltungen. Das Prinzip, dem López folgt, beschreibt das Programmheft als Kintsugi – eine japanische Kunst, Zerbrochenes so zusammenzufügen, dass die Bruchlinien golden sichtbar bleiben, als Zeichen einer Geschichte, nicht als Makel.

Ich nehme das Ende vorweg: Wie schwerelos schwebt das massive, zusammengesetzte Gesicht über der Bühne. Mit geschlossenen Augen, goldfarben leuchten die Nähte, das Ensemble in der Stille darunter.

Das Bild ist stark. Die Frage ist, ob es die richtige Geschichte erzählt. Denn was als Heilung inszeniert scheint, lässt sich auch anders lesen: Dreizehn Individuen fügen gemeinsam eine Welt wieder zusammen – und erschaffen dabei ein neues Götzenbild, dem sie sich unterwerfen. Statt gewonnener Freiheit folgt kollektive Unterwerfung. Ob López diese Ambivalenz beabsichtigt, bleibt offen.

Ihre szenischen Bilder überzeugen. Die choreografische Idee ist zugänglich, vielleicht stellenweise zu schlicht. Doch sie wirkt – und das Publikum quittierte es mit Begeisterung.

Was diesen Abend, weit über die beiden Stücke hinaus, interessant macht, ist die Spannung zwischen diesen Hälften. Lee fordert heraus, López lädt ein. Lee bleibt Rätsel, López wird Botschaft. Lee arbeitet das Individuum heraus, López formt das Kollektiv. Dass dasselbe Ensemble beide Handschriften mit dieser Selbstverständlichkeit bedient, sagt viel über das hohe Vermögen dieser Cottbuser Ballett-Compagnie.

Unsere Ballettsparte hat sich in einen Ruf erarbeitet, der über die Stadtgrenzen wirkt – dafür sprechen die internationalen Verpflichtungen ebenso wie die wachsende Zahl junger Besucherinnen und Besucher. Dieser Abend belegt das eindrucksvoll.

Wer noch einen Platz bekommt, sollte ihn nutzen.

Jens Pittasch

nächste Vorstellungen:
Samstag, 18.4.2026, Sonntag, 3.5.2026, Freitag, 5.6.2026

Informationen und Karten

BESETZUNG & TEAM

FOTOS (Bernd Schönberger)

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